Thomas Promny

Online-Mittelstand in Deutschland

Erfolgreiche Gründer der Internet-Branche im Gespräch

Yvonne Tesch

Maryme

Yvonne Tesch Klischees über Informatiker sind bekannt: Sie sind nicht besonders gesell­schaftsfähig, kleiden sich maximal unmodisch und verkriechen sich gerne in dunklen Kellern, um Software zu schreiben, die die Welt nicht braucht. Wenn es eine Person gibt, die diese Klischees perfekt widerlegt, ist es Yvonne Tesch. Sie ist Diplom-Informatikerin, sieht mehr als gesellschafts­fähig aus und sticht mit ihrem unternehmerischen Gespür auch die meisten männlichen Mitbewerber aus. Mit ihrem Unternehmen Maryme hat sie im Haifisch­becken des Online-Marketings erfolgreiche Preisvergleichsseiten zu Nischen­themen aufgebaut und damit bis zu 25 Millionen Euro Jahres­umsatz generiert. Aber auch unangenehme Seiten des Unternehmertums – zum Beispiel siebenstellige Steuernachzahlungen – blieben ihr nicht erspart.

Yvonne, Du kommst gerade aus New York zu uns, vielen Dank für Deine Zeit. Erzähl doch mal, wie Du dazu gekommen bist, Unternehmerin zu werden?
Die Wahrheit ist: Eher zufällig. Als ich mit 27 Jahren mein erstes Unter­nehmen gegründet habe, gab es bis dahin weder klare Ambitionen in diese Richtung oder Unternehmer-Vorbilder in meiner Familie noch hatte ich irgendeine Ahnung, was da auf mich zukommen würde. Wir hatten noch nicht mal einen fixen Businessplan, sondern nur ein erstes kleines Neben­projekt, das ganz gut lief. Wie es manchmal so geht im Leben, ging eine Tür zu und eine andere auf, also habe ich mich entschieden, diese Chance zu nutzen. Bis dahin hatte ich bereits sechs Jahre in Online-Start-Ups zuge­bracht – und das Gefühl, festzustecken. In meinem letzten Job habe ich Prozesse und Tools ent­wickelt, um meine Arbeit zu strukturieren und effizienter zu machen. Das waren also eigentlich typische Management-Auf­gaben und damit die besten Voraus­setzungen für meine erste eigene Firma, die Maryme Ltd.
Kannst Du das ein wenig detaillierter erzählen? Was für Tools bzw. was für Werkzeuge waren das?
Meine Tools dienten im Wesentlichen dazu, meinen Job zu automatisie­ren und zu standardisieren, wo immer es möglich war. In unserem Fall bedeutete das zum Beispiel das Zusammenführen von all den Daten und Statistiken aus den verschiedenen Online-Marketing-Kanälen meiner Kun­den, also Überwachung und Optimierung, Reporting und Controlling etc. Wir sprechen hier von dem Jahr 2007, in dem es viele der sehr schönen Tools von heute noch nicht gab. Vor allem aber habe ich alles, was an der Prozesskette Suchmaschinen-Marketing über Google AdWords hängt, auto­matisiert – ein sehr dankbares Thema, das sich sehr gut technisch abbilden ließ. Herzstück hierbei war ein Bid-Management, das auch Thema meiner Informatik-Diplomarbeit war und den Einkauf von Traffic bei Google steuert. Hier fließen alle Prozesse zusammen: Aggregieren von Daten, Auswerten von Daten, regelbasiert Entscheidungen treffen und Entscheidungen zu­rück an Google AdWords übermitteln – vollautomatisiert. Beim Suchma­schinen-Marketing werden ja Besucher für die eigene Webseite bei Google eingekauft, wobei jedem Besucher in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren ein anderer Preis zugrunde liegen kann. Diesen Klick­preis optimal zu ermitteln und täglich anzupassen, ist die Aufgabe von automatisierten Bid-Management-Systemen, die zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen steckten. Mit meinem Bid-Management konnte ich für Marymes Webseiten besonders effizient und günstig Traffic einkaufen – ein klarer Wettbewerbs­vorteil, der es uns ermöglichte, vom ersten Tag an profitabel zu sein und Stück für Stück organisch zu wachsen.
Welche waren die ersten Webseiten, die ihr dafür genutzt habt?
Unsere erste Webseite war eine Immobilien-Suchmaschine, es folgten Vergleichsseiten aller Art, zum Beispiel für Kreditkarten oder Handy­verträge, also die typischen E-Commerce- und Affiliate-Themen, mit denen man zu dieser Zeit mit dieser Technologie sehr gutes Geld verdienen konnte. Dabei ging es immer um Traffic-Einkauf vs. Traffic-Verkauf und genau das konnten wir hervorragend automatisiert für uns arbeiten lassen.
Ihr wart im Prinzip eine spezialisierte Agentur, die besonders erfolgreich war, weil sie eine eigene Technologie hatte, mit der sie effizient Traffic für ihre Kunden einkaufen konnte?
Nein, nicht ganz, wir waren keine Agentur und wollten es auch nie sein. Wir haben tatsächlich nur eigene Webseiten aufgebaut, diese über Such­ma­schinen wie Google mit Traffic versorgt und diesen mit einer Marge weiter vermarktet. Unsere Arbeit bestand also darin, die Inhalte zusammen­zu­tragen und Deals mit den Anbietern der Handyverträge etc. zu verhandeln.
Die Seiten, die ihr beworben habt, waren also komplett eure eigenen?
Richtig. Wir hatten ein kleines Team von Redakteuren, die diese Portale mit Leben gefüllt haben. Der Rest war im Prinzip nur noch eine Sache der Algorithmen, die das Suchmaschinen-Marketing für uns übernommen haben. Wenn sie einmal ordentlich aufgesetzt sind, das Ganze gut im Griff haben und auf alle Eventualitäten schnell reagieren können, kann man das Geschäft super skalieren.
Wie kamst Du eigentlich darauf, Informatik zu studieren, schließlich ist das auch heutzutage keine so selbstverständliche Entscheidung für eine Frau?
Heutzutage machen die Frauen das vielleicht eher als 2004, aber insgesamt stimmt das. Bei mir könnte es an einem Faible für Mathe liegen oder meinem Background zu Hause. Mein Vater ist Entwickler und hat oft zu Hause am Rechner gear­beitet oder aus alten Küchenschränken Compu­ter zusammenge­schraubt – in den 80er Jahren nicht selbst­verständlich. Er hat mir schon früh die Grundzüge von Turbo Pascal erklärt und wir haben per BTX, wem das noch etwas sagt, Spiele von anderen Rechnern herunter­geladen. Für mich war der Zugang zu Computern daher nie fremd oder ungewöhnlich – allerdings wurde mir erst mit meinem ersten Job klar, dass nicht jeder dieses Interesse teilt, der Umgang damit nicht für jeden selbst­verständlich ist. Aufgrund dessen habe ich mich dazu entschlossen, tiefer in diesen Bereich einzu­steigen und Informatik zu studieren. Mich fasziniert an Informatik, dass man einer Maschine beibringt, was sie tun soll und sie es einfach tut – unfassbar schnell, immer wieder und zuverlässig. Man selbst kann sich parallel um andere Dinge kümmern und damit extrem effizient werden. Algo­rithmen zu bauen ist für mich wie Rätsel zu lösen, man muss logisch und manchmal auch um die Ecke denken. Mit jedem Mal fühlt man sich ein kleines bisschen schlauer und freut sich, wieder etwas auslagern zu können. Ich finde es großartig, das selbst zu können, und nutze das bis heute für meine Arbeit. Für Informatik muss man schon brennen, um es zu studieren, das ist aber nicht unbedingt nur Männern vorbehalten.
Im vollständigen Interview erzählt Yvonne Tesch noch viel mehr interessante Geschichten und einige Erfolgsgeheimnisse. Außerdem gibt es im ganzen Buch noch 19 weitere interessante Unternehmer/innen kennenzulernen.

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